Liebe Gemeindemitglieder

Es war ein richtig schöner Abend. Lange hatte ich die beiden nicht gesehen, aber endlich hatte es gepasst. Sie hatten das Wochenende frei und ich mein Gästezimmer vorbereitet. Über alte Zeiten wurde gesprochen, über all das, was in den letzten Monaten in der Luft lag und die Früchte genossen, die im Garten gewachsen waren, in veredelter Form. Die Johannisbeeren waren, wie die Aprikosen oder die grünen Walnüsse zu Likör gereift und auch aus den Gewürzen im Schrank und im Garten war ein edler Tropfen geworden. Stolz wurden die Flaschen und Fläschchen hervorgeholt, ausgetauscht. Ein leckerer trockener Weißwein dazu, die zweite Flasche auch noch.
Und nun war wieder Morgen. Ich hatte es schon geahnt am Abend und war noch im Keller. Hatte nach dem Wasser mit wenig Kohlensäure gegriffen. Die Augen waren noch nicht ganz offen, dann war er da, der Durst.
Ganz selten kenne ich dieses Gefühl, vielleicht noch an einem heißen Tag oder bei schwerer körperlicher Arbeit. Öfter kenne ich eine andere Art von Durst. Einen Durst, der nicht mit Wasser zu stillen ist. Ich dürste danach, dass mein Leben gut sein soll. Besonders dann, wenn es mir schlecht geht, eine Krankheit in mir steckt oder ich jemanden vermisse. Weil ich sie so lange nicht gesehen und gesprochen habe, weil ich von ihm Abschied nehmen musste, für immer.
Von diesem Durst, davon, dass er gestillt werden soll, spricht der Bibelvers aus der Offenbarung des Johannes, der für das Jahr 2018 ausgesucht wurde: Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.
Diese Worte wurden in die Zukunft gesprochen. Der Seher Johannes tröstet damit seine Brüder und Schwestern, die großes Leid ertragen müssen. Er macht ihnen Mut, dass danach eine bessere Zeit, eine bessere Welt auf sie wartet. Seine Worte werden zu den ersten Tropfen des lebendigen Wassers.
Auch ich kenne diese ersten Tropfen an so richtig schönen Abenden. Wenn die alten Zeiten wieder auf dem Tisch sind, neben den kleinen und den größeren Gläsern. Ich schmecke etwas von diesem Wasser, das nur Gott mir geben kann, wenn Tränen trocknen oder eine Krankheit ihren Schrecken verliert. Und endgültig werde ich es schmecken, wenn der Durst nach Wasser keine Rolle mehr spielt.

Ihr Pfarrer

Alexander Ulrich

Pfarrer Alexander Ulrich

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